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 Mehrfach-Wertung der Redaktioncarcass surgical steel160px.jpg„Diese Reunion wird nicht für immer währen! Also beeilt euch die Band live zu sehen" orakelte Michael Amott noch 2008, als für das laufende Jahr zahlreiche Festivalshows angekündigt wurden. Es war eine äußerst emotionale Zeit, in welcher auch Ur-Drummer Ken Owen, der wegen einer Hirnblutung und den daraus resultierenden, schweren motorischen Einschränkungen nicht mehr Schlagzeug spielen kann, live zum Zuge kam. Das war so ergreifend, dass ich beim Schauen einiger Videos bei Youtube, den Tränen nahe war. Die Band und auch Ken wurden von den Fans lautstark abgefeiert. Ken, der mit seinen Trommelkünsten ein ganzes Genre prägte, war bei einigen Auftritten vor Ort und setzte sich mitten im Set kurz an seine geliebten Drums, um dann, so gut er kann, unter dem Jubel der Fans ein Solo abzuliefern. Es war undenkbar, dass die Band jemals wieder regulär Platten abliefern würde, und so schwelgte man in Erinnerungen und feierte die Band bei den alten Songs ab.

Irgendwann in 2011 spielte Bill Steer ein paar Riffs vor sich hin und merkte plötzlich, dass diese einen starken CARCASS-Vibe hatten. Er zögerte nicht lange, Jeff Walker anzurufen, um ihm davon zu erzählen. Kurze Zeit später fanden sie sich dann im Studio wieder, um weiter daran zu feilen. Sie wollten aber nicht einfach einen Abklatsch vergangener CARCASS Großtaten abliefern, sondern es sollte den höchsten Ansprüchen der CARCASS-Fans genügen und ihnen selbst natürlich auch Spaß bereiten. Soweit die Meldungen aus dem Bandlager.

Es gibt da jedoch eine Sache, die diese Veröffentlichung in einem schlechten Licht erscheinen lässt. In einem Interview mit dem Stormbringer-Magazin gaben Bill Steer und Jeff Walker zu, dass viele Riffs in den Songs aus alten Zeiten stammen und nur wieder hervorgekramt wurden, um mit neuen Teilen kombiniert zu werden. An und für sich wäre das ja nicht schlecht, wenn nicht das ein oder andere stark an manche Schaffensphasen in der Bandgeschichte erinnern würden. Gut, die beiden Hauptsongschreiber sind ja auch noch am Ruder.
Das Album „Surgical Steel" wäre besser vor oder nach „Heartwork" erschienen. Es beginnt mit dem Intro „1985", das sich auch tatsächlich so anhört UND es stammt sogar ursprünglich aus dieser Periode. Man könnte meinen, man lausche einer Best-of Compilation.
Versteht mich nicht falsch, denn ich betreibe hier Kritik auf hohem Niveau. Die Songideen sind allesamt gut umgesetzt, jedoch lässt sich schon ein gewisses Baukastensystem erkennen. Teile von „Symphonies Of Sickness" werden mit Teilen vom Album „Necrotiscism" gepaart. Andere Songs wie das durchaus großartige „Noncompliance to ASTM F 899-12 Standard" oder „The Granulating Dark Satanic Mills" könnten so auch auf dem Album „Heartwork" erschienen sein. Ich liebte das Album, als es 1993 erschien, so dermaßen, dass ich sogar meine damalige eigene Band nach einem Song benannte. Diese ist jedoch schon lange Geschichte. CARCASS entwickelten sich jedoch auch mit Hilfe von Michael Amott über die eigenen Grenzen weiter, dass nicht wenige der Band zu dem Album „Swansongs" den Rücken kehrten. Deshalb erwarte ich eigentlich auch eine weitere Entwicklung und keinen kompletten Rückschritt. Selbst der Sound wurde nachempfunden. Egal wann ich im Album an einer beliebigen Stelle, und sei es mitten im Song, das Album während dem Hören von „Surgical Steel" zu „Heartwork" wechsle, es passt zusammen. Es ist oft kein Unterschied auszumachen. Es könnte das gleiche Album sein. Erschreckend finde ich das! Das scheint dank modernster Software mittlerweile auch nur noch eine Fingerübung zu sein.

Man kann es drehen und wenden wie man will, diese Veröffentlichung ist als Reanimation geglückt. Ein Wunder ist es jedoch nicht, denn alle beteiligten Musiker waren nie im Ruhestand. Das ganze gepaart mit cleveren Vermarktungsstrategien und als Vorband zu den, historisch gesehen, jüngeren, aber erfolgreicheren AMON AMARTH auf der Herbsttour 2013, macht die Strategie perfekt. Da kommen sicher auch ein paar „remasterte" Alben aus dem Backkatalog hinterher.
Hört sich an, als würde das Album vor Kommerz nur so rappeln, es ist aber einfach nur ein cleverer Schachzug, der die alten Fans bedient und neue ins Boot holen will. Und wenn es nur dazu dient, die Reha-Kosten von Ex-Drummer Ken wieder reinzuholen: Am Ende ist es Underground-Mucke fernab jeglicher Mainstream-Blüten.
Den Undergound-Metal soll man was? RICHTISCH – unterstützen! Support your old favourite grindcore or deathmetal-band. (Andreas)

 

Bewertung: 7 / 10


Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 47:01 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin: 13.09.2013

Wertung der Redaktion
Jochen Katha Anne Maik Pfälzer Brix Seb
8,5 7 7 8 7,5 7 7
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