u2 songsofexperienceVor drei Jahren fiel die Rocklegende bei vielen Fans in Ungnade, als sie ihr dreizehntes Album vorab einer halben Million Apple-Nutzern freischaltete. Was als Geschenk gemeint war, ging nach hinten los, auch weil nicht jeder davon partizipierte. Dabei hatte "Songs Of Innocence" aber derartige Promotion auch nötig, gilt es doch als das schwächste Werk im Kanon von U2. Dabei hatte man sich nach ein paar Irrungen in den unsäglichen Neunzigern mit Scheiben wie "All That You Can´t Leave Behind" und "No Line On The Horizon" wieder eines Besseren besonnen. "Songs of Innocence" sollte eigentlich kurz nach Letzterem erscheinen, nun bildet es mit "Songs Of Experience" ein Zwillingsalbum, basierend auf Werken von des britischen Dichters William Blake. Dabei gehen die Herren genau die umgekehrte Taktik und veröffentlichten ihr vierzehntes Studioalbum so unbemerkt, dass es der Redaktion fast entgangen wäre.

Ich muss mich mal outen, an Weihnachten vor dreißig Jahren bekam ich meine erste Stereoanlage und als Zubrot "The Joshua Tree", seinerzeit unglaublich populär. Viel später sollte sich ein Kumpel, seines Zeichens beinharter Metalwarrior, über die Wahl meiner ersten Platte enttäuscht zeigen, die Liebe für die harten Klänge kam erst durch die Möglichkeit, Vinyl auszuleihen und zu überspielen ins Rollen. Jenes Überalbum der Iren, das sie bis heute nie mehr erreicht haben, steht jedoch auf ewig sehr hoch in meiner Gunst, seine Klasse ist auch abseits von Hitsingles unbestritten.

Was U2 zuletzt fehlte, war genau das, was dieses Werk auszeichnete, eine Tugend, welche von manchen nicht gerne gesehen wird, ich aber sehr schätze, dieser hymnische Pathos. Auch hier machen sie es dem geneigten Fan zuerst schwer, auch wenn das sphärische "Love Is All We Have Left" durchaus eingängig ist. Doch mich erinnert das Stück eher mit seinen Synthesizern eher an die Achtzigerkonkurrenz von A-HA, was aber schon mal ein Fingerzeig für die Qualität des Songwritings ist.
Spannend baut sich auch "Lights Of Home" auf, ein paar verzerrte Gitarren von The Edge, eine rhythmische Strophe und gespenstische Atmosphäre kulminieren in einem weiten Refrain. Als ob sie es beweisen müssten, dass sie wieder dort angekommen sind, wo sie einst waren, bauen sie noch eine Gospel-Coda ein, auch ein früher gerne verwendetes Stilmittel, welches öfter auf "Songs Of Experience" auftaucht. Ähnlich gelagert ist auch das ruhigere "Summer Of Love", bei dem E-Bows die Stimmung unterstützen.

So richtig besinnen sie sich dann mit "You´re The Best Thing About Me" ihrer Stärken, da ist sie wieder die flirrende Gitarre, welche dem locker rockende Titel mit seinem süffigen Chorus die Eleganz verleiht. Über weite Strecken ist die neue Scheibe kraftvoller als das letzte starke Album "No Line On Zhe Horizon", was sich anschließend im treibenden "Get Out Of Your Own Way" manifestiert. Der Bass pumpt wie zu besten "Beautiful Day"-Zeiten, bevor der Refrain den Hörer wie seinerzeit einnimmt. Noch rockiger präsentiert sich "American Soul", bei dem die Gitarren zwar auch wie in den Neunzigern verzerrt sind, jedoch deutliche Querverweise auf die Post Punk-Vergangenheit aufweist.

Diese Art von Klängen zaubert der bürgerliche Dave Evans auch in "The Blackout" hervor, das an den Filmhit "Hold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me" erinnert. Es ist nicht das einzige Lied auf "Songs Of Experience", welches mit ein paar elektronischen Beats aufwartet, speziell zum Ende der Scheibe hin. Doch Nummern wie "Landlady" sind eher weit und flächig angelegt und kommen so von der Atmosphäre her an die frühen Zeiten heran, auch wegen der Verwendung der flirrenden Tönen der sechs Saiten.
In vielen Titeln reichen die Iren noch viel stärker in ihre Vergangenheit hinein, vor allem "Red Flag Day", welches auch auf "War" hätte zu finden sein können, weil gerade hier das flirrende Element sehr präsent ist. Und beim lässigen "The Showman (Little More Better)" versuchen sie sich seit langem mal wieder an Rockabillyklängen. Die hier verwendeten Akustikgitarren fehlen bei der Neuauflage von "Song For Someone" des Vorgängers, der hier als stärkere Pianoversion das beste U2-Werk seit langem abschließt. (Pfälzer)

 

Bewertung:

Pfaelzer7,5 7,5 / 10


Anzahl der Songs: 13
Spielzeit: 51:15 min
Label: Island/Universal
Veröffentlichungstermin: 01.12.2017

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